Februar 2013 | Dankschreiben einer Mutter

13. Februar 2009
Sehr geehrte Frau Doktor, liebe Sonja!
Sehr geehrte Therapeutinnen und Therapeuten!
Sehr geehrtes Sekretärinnenteam!
Liebes Team!

Wieder sitze ich im Wartezimmer - wobei Zimmer eigentlich falsch ist, hier sollte es Halle heißen. - Die künftigen Male kann ich locker an den Fingern einer Hand abzählen, die vergangenen sind unzählig. 18 Jahre komme ich nun schon regelmäßig hierher, mal war das Warten angenehm oder sogar freudig, manchmal war es quälen und manchmal auch voll Spannung.

Die Aussicht auf Erfolg war es, die mir den Weg hierher erleichterte, und dass sich Daniel während der 18 Jahre kein einziges Mal gegen auch nur irgendeine Therapie widersetzt hat, nicht immer war er euphorisch, aber stets – so schien es mir - geduldig und lernwillig.

Angenehm war es vor allem dann, wenn es ruhig war in diesem Durchhaus, einzig das Blättern in den Büchern und Zeitschriften der anderen Eltern zu vernehmen war. Das ist leider meist ganz anders und deshalb möchte ich den Sekretärinnen meinen aller größten Respekt aussprechen, den Lärmpegel als Geräuschkulisse bei der Arbeit so viele Jahre ausgehalten zu haben. Jetzt – mit der Glaswand - ist es hoffentlich erheblich besser.

Freudig war es, wenn wir nach langer Zeit endlich wieder einen Platz bei einer Therapeutin ergattern konnten. Dann durfte ich für eine Stunde mein Amt als Dauertherapeutin an einen Profi abgeben - dann war ich kurz nur ich. Ganz besonders erfreulich war die Tatsache, dass im Laufe der Jahre auch Männer als Therapeuten anzutreffen waren. Ich glaube, es ist vor allem für die männlichen Patienten ein Segen.

Quälend schien es mir, wenn der Lärm in der Wartehalle unerträglich wurde, weder entspannendes Löcher in die Luft schauen, noch eine Illustrierte durchblättern, geschweige denn tatsächlich lesen möglich war. Oder ich unangenehme Nachrichten erwartet. Diese Befürchtung zerschlugen sich meist sehr schnell, da ja hier alle wissen, wie man Mütter am Laufen hält, ihnen Mut zuspricht und sie motiviert.

Spannend waren jene Wartezeiten, nach welchen neue Therapeuten für Daniel bereit standen, ich über den Therapiefortgang informiert wurde, Befunde besprochen werden sollten oder auch ich mit neuen Ärzten konfrontiert wurde.

Rückblickend gesehen, war für mich jene Zeit am Schlimmsten, in der ich mehr als ein Jahr nicht in diesem Warteraum Platz nehmen konnte, weil wir keine Therapien bekamen. Zuerst fühlte ich mich über die Tatsache, dass es im Haus keine Therapeutin gäbe, die mehr könne als ich, sehr geehrt und gelobt. Wie groß der Rucksack war, den ich umgehängt bekam, stellte sich erst später heraus. Im Laufe der folgenden Monate blieb mir keine Zeit, denn jetzt lag ja die volle Verantwortung für die Förderung von Daniel bei mir, lediglich die jährlichen Kontrollen waren gleich geblieben. Täglich übte ich während der gesamten Wachzeit von Daniel den Spagat zwischen Mutter und Therapeutin zu perfektionieren, wenn er schlief las ich Unmengen Fachbücher und versuchte den kommenden Tag in Wechselspiel von Therapie und Familie zu organisieren. Für mich wurde es zum Horrortrip. Es gab tausende Situationen, in welchen ich rückblickend lieber Mutter gewesen wäre, aber die Pflicht der möglichst professionellen Förderung stets die Oberhand bekam. Bei einem der Kontrolltermine kam das glücklicherweise zur Sprache, und wir bekamen wieder einen Therapieplatz. Ein ganzes Gebirge löste sich von meinem Rücken, jetzt hatte ich sie wieder, die 50 Minuten Pause pro Woche, in der mein Kind 100%ig gut versorgt wurde. DANKE! – Leider konnte ich den Rucksack bis heute nicht mehr wirklich ablegen. Und jetzt, wo Daniel in wenigen Tagen erwachsen ist, erscheint er reichlich, frisch gefüllt.

Den Therapeutinnen und Therapeuten möchte ich für Ihre gute Arbeit und für die tolle Zusammenarbeit danken, von Ihnen konnte ich viel lernen, für meinen Alltag mit Daniel und für meinen daraus entstandenen neuen Beruf. Dass ich so lange Zeit an den Inhalten und Methoden der Therapieeinheiten teilhaben durfte, ist ganz wesentlich für mich gewesen, all diese Ansätze auch zu Hause weiterzuführen, langfristig zur Automatisierung des Erlernten zu verhelfen und damit gemeinsam einen – wie ich glaube – tollen Erfolg verzeichnen zu können.

Und was wäre dieses tolle Team ohne die Ärztin, liebe Sonja, die alle Fäden in der Hand hält, sich meine Probleme und Ängste, Freude und Leid, Euphorie und manchmal wohl auch Hysterie anhörte. Es war mir immer wieder einen Wohltat und Beruhigung, wie es Dir gelang jeden Wortschwall möglichst emotionsarm aufzunehmen, und ruhig, bedacht und manchmal auch lenkend zu reagieren, mich in meiner Arbeitsweise zu bestärken, mich aufzufangen, wenn mir der Boden unter den Füßen verloren ging, und mich mit einer Portion neuem Mut zu entlassen.

Uns zu betreuen war sicher streckenweise kein Leichtes, mir als Mutter ging es mit der Aufgabe ein Kind mit Beeinträchtigung formen zu dürfen nicht immer gut. Zweifel am Fortschritt und an meinen eigenen Fähigkeiten, die Frage nach dem „Ist das genug“, amtliche Hürdenläufe und Barrikaden, Stagnation, Rückschritte, soziale Isolation und Aufopferung bis zum Umfallen standen stets dem Lächeln im Kindergesicht, der Freude über jeden noch so kleinen Lernschritt, dem Jubel über Entwicklungssprünge, der gelegentlichen gesellschaftlichen Anerkennung und auch meinem beruflichen Erfolg gegenüber, denn ohne Daniel hätte ich diesen Weg wohl nie gefunden.

Daniel feiert am 21. März seinen 18. Geburtstag, deshalb verabschiede ich mich jetzt von Ihnen,
danke dem gesamten Team für die 18jährige Begleitung und
wünsche Ihnen allen beruflich wie privat alles, alles Gute!


St. Pölten, Feb. 2013

NACH OBEN